Erwachen am Fusse des Speers: Der Frühling belebt das Linthgebiet Wenn die letzten Schneefelder an den markanten Nordhängen des Speers und des Federispitz langsam der unaufhaltsamen Kraft der Märzsonne weichen, beginnt im Linthgebiet eine ganz besondere Zeit. Es ist...
WM und Leben auf dem Berg: Eine sozioökonomische Betrachtung aus dem Linthgebiet
Der Lärm von achtzigtausend Kehlen in einem Stadion in Katar oder Deutschland ist ein Geräusch, das in Rieden, hoch über der Linthebene, kaum einen realen Widerhall findet. Hier, wo der Wind in den Tannen singt und der Blick über den Zürichsee bis zu den Glarner Alpen schweift, werden globale Grossereignisse wie eine Fussball-Weltmeisterschaft auf eine sehr spezifische, fast gefilterte Weise wahrgenommen. Es ist nicht die schiere Ignoranz gegenüber der Welt, sondern eine tief verwurzelte Perspektive, die aus der geographischen Lage, der Wirtschaftsstruktur und dem sozialen Gefüge dieser Bergregion erwächst. Die Analyse dieses Kontrasts zwischen dem globalen Spektakel und der lokalen Lebensrealität offenbart mehr über die Resilienz und die Werte unserer Gesellschaft, als es jede Siegesfeier oder Niederlagenanalyse je könnte.
Die WM ist ein Phänomen der Verdichtung: Verdichtung von Zeit in 90 Minuten, von Raum auf einem grünen Rechteck und von Emotionen in einem kollektiven Aufschrei. Das Leben hier oben ist das Gegenteil: Es ist geprägt von Weite, von den langsamen, unerbittlichen Zyklen der Jahreszeiten und von Emotionen, die sich im Kleinen, im Zwischenmenschlichen und in der stillen Auseinandersetzung mit der Natur entfalten. Um zu verstehen, wie ein Ereignis wie die WM in einer Gemeinde wie Rieden und der gesamten Linthregion rezipiert wird, müssen wir die ökonomischen, sozialen und politischen Strukturen betrachten, die dieses Leben formen.
Ökonomische Dimensionen: Die Bodenständigkeit der lokalen Wertschöpfung
Eine Fussball-Weltmeisterschaft ist eine gigantische Wertschöpfungsmaschine, die auf immateriellen Gütern fusst: Übertragungsrechte, Sponsoring-Verträge, Markenwerte. Milliarden fliessen in einem globalen Kreislauf, der für den durchschnittlichen Bürger weitgehend abstrakt bleibt. Die Ökonomie des Linthgebiets, und insbesondere seiner höher gelegenen Gemeinden, steht dazu in einem fundamentalen Gegensatz.
Die Dominanz der KMU und der Landwirtschaft
Die wirtschaftliche Basis von Rieden und den umliegenden Dörfern ist nicht die globale Vernetzung, sondern die lokale Verankerung. Sie stützt sich auf ein dichtes Netz von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die oft seit Generationen in Familienbesitz sind. Ein Schreiner, ein Elektriker, ein Bauunternehmer – ihre Wertschöpfung ist greifbar, ihre Kundschaft lokal, ihr Ruf das wichtigste Kapital. Ihre Geschäftszyklen orientieren sich nicht an Quartalsberichten internationaler Konzerne, sondern an der Auftragslage in der Region, am Baugeschehen in Kaltbrunn oder Uznach und an der Kaufkraft der hiesigen Bevölkerung.
Parallel dazu spielt die Landwirtschaft nach wie vor eine zentrale Rolle, nicht nur als Wirtschaftsfaktor, sondern auch als prägendes Element der Landschaft und der Mentalität. Der Bauer, der seine Wiesen bei steiler Hanglage bewirtschaftet, denkt in Zyklen von Saat und Ernte, von Wetter und Vieh. Sein Erfolg hängt von Faktoren ab, die weit ausserhalb der Kontrolle von FIFA-Funktionären liegen. Für ihn ist der Lohn seiner Arbeit direkt sichtbar: im Heu, das trocken eingebracht wird, in der Milch, die er an die Käserei liefert. Diese direkte Koppelung von Arbeit und Resultat schafft eine Arbeitsmoral, die dem abstrakten, oft spekulativen Charakter der globalen Finanz- und Unterhaltungswirtschaft fremd gegenübersteht.
Der marginale Einfluss globaler Events
Welchen ökonomischen Niederschlag findet eine WM hier? Der Einfluss ist marginal und indirekt. Vielleicht verkauft der Dorfladen ein paar Flaschen Bier mehr. Womöglich investiert das Restaurant Post in einen grösseren Fernseher, um die Spiele zu zeigen, was dem lokalen Elektronikgeschäft einen kleinen Umsatz beschert. Doch dies sind bestenfalls Wellen, die an der Oberfläche kräuseln, während die tiefen Strömungen der lokalen Wirtschaft unberührt bleiben. Niemand stellt seine Produktionsplanung um, kein Landwirt lässt seine Arbeit liegen, weil ein wichtiges Spiel ansteht. Die Prioritäten sind durch eine handfeste Realität diktiert, die sich von globalen Medienereignissen nicht aus der Bahn werfen lässt.
Das soziale Gefüge: Verein versus Fan-Masse
Der auffälligste Unterschied zwischen dem Leben auf dem Berg und der Erfahrung einer WM liegt in der Form der Gemeinschaftsbildung. Beide Phänomene generieren ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit, doch die Qualität und Nachhaltigkeit dieses Gefühls könnten unterschiedlicher nicht sein.
Die strukturierte Gemeinschaft des Vereinslebens
Das soziale Leben in Rieden, wie in vielen ländlichen Schweizer Gemeinden, wird massgeblich durch die Vereine getragen. Die Musikgesellschaft, der Turnverein, die Schützengesellschaft, der Kirchenchor – sie sind das Rückgrat der Dorfgemeinschaft. Diese Gemeinschaften sind durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
- Langfristige Verpflichtung: Mitgliedschaft ist keine spontane Entscheidung, sondern oft eine lebenslange Bindung. Man probt, trainiert und arbeitet das ganze Jahr über zusammen.
- Gegenseitige Verantwortung: Der Erfolg des Vereins hängt vom Beitrag jedes Einzelnen ab. Man verlässt sich aufeinander, nicht nur während der Aufführung oder des Wettkampfs, sondern auch bei der Organisation des Dorffestes oder bei der Unterstützung eines Mitglieds in Not.
- Hierarchie und Struktur: Vereine haben Vorstände, Statuten und eine klare Organisation. Diese Strukturen schaffen Verlässlichkeit und Kontinuität über Generationen hinweg.
- Lokale Identität: Der Verein repräsentiert das Dorf nach aussen und stärkt die Identität nach innen. Man ist nicht einfach nur Musikant, sondern Mitglied der “Musikgesellschaft Rieden”.
Diese Form der Gemeinschaft ist tief in der lokalen Kultur verwurzelt. Sie schafft ein robustes soziales Netz, das auch in Krisenzeiten trägt. Sie ist das Produkt harter Arbeit, gemeinsamer Anstrengung und eines geteilten Verständnisses von Pflicht und Zusammenhalt.
Die ephemere Gemeinschaft des Public Viewing
Die Gemeinschaft, die während einer WM entsteht, ist von anderer Natur. Sie ist hochemotional, spontan und flüchtig. Menschen, die sich im Alltag fremd sind oder gar politisch konkurrieren, liegen sich nach einem Tor für die Schweizer Nationalmannschaft in den Armen. Für 90 Minuten verschwinden soziale und politische Differenzen hinter einer gemeinsamen nationalen Identität.
Diese Form der “situativen Vergemeinschaftung” hat ihre eigene Kraft. Sie kann Barrieren durchbrechen und ein Gefühl nationaler Einheit erzeugen, das im föderalistisch und oft partikularistisch geprägten Schweizer Alltag selten zu spüren ist. Doch diese Gemeinschaft ist so vergänglich wie das Ereignis selbst. Nach dem Schlusspfiff zerfällt die Masse wieder in ihre individuellen Bestandteile. Die gemeinsame Emotion verfliegt, und die alltäglichen Realitäten kehren zurück. Es ist eine Gemeinschaft ohne Verpflichtung und ohne nachhaltige Struktur. Am Stammtisch im Restaurant wird das Spiel analysiert, man ärgert sich über den Schiedsrichter oder lobt den Torschützen, doch am nächsten Tag dreht sich das Gespräch wieder um die geplante Überbauung am Dorfrand oder die Ergebnisse der letzten Gemeindeversammlung.
Politische und philosophische Reflexionen aus der Distanz
Der Blick vom Berg auf die Welt im WM-Fieber lädt zu einer grundlegenderen Reflexion über Werte, Identität und unsere Beziehung zur Zeit ein. Die physische Distanz zum urbanen Treiben schafft eine mentale Distanz, die eine andere Art der Analyse ermöglicht.
Nationalstolz und lokale Verwurzelung
Eine WM ist eine Inszenierung des Nationalstaates. Flaggen werden geschwenkt, Hymnen gesungen, und die mediale Berichterstattung ist unweigerlich national gefärbt. In der Schweiz, einem Land, dessen politische Identität weniger auf ethnischer Homogenität oder zentralistischer Macht als auf dem Prinzip der Subsidiarität und der starken Gemeindeautonomie beruht, hat dieser zur Schau gestellte Patriotismus eine besondere Konnotation. Der Stolz, ein “Riedner” oder “Gommiswalder” zu sein, ist oft greifbarer und tiefer empfunden als der abstrakte Stolz, Schweizer zu sein. Die wahre Heimat ist der Ort, an dem man aufgewachsen ist, wo man jeden Weg und jeden Nachbarn kennt.
Der während der WM zelebrierte Nationalstolz ist daher oft ein oberflächliches, temporäres Phänomen. Er konkurriert nicht wirklich mit der tiefen, alltäglichen Verbundenheit zum eigenen Dorf und zur eigenen Region. Vielmehr ist er eine zusätzliche Identitätsebene, die für einige Wochen aktiviert und dann wieder in den Hintergrund gerückt wird. Die eigentliche politische und soziale Auseinandersetzung findet auf lokaler Ebene statt – in der Gemeindeversammlung, im Gemeinderat, in den Debatten über Schulhäuser und Steuerfüsse. Das ist die Politik, die das Leben der Menschen hier direkt gestaltet.
Der Rhythmus der Natur versus die Logik des Spiels
Vielleicht liegt die tiefste Kluft zwischen dem Leben auf dem Berg und dem WM-Spektakel im unterschiedlichen Verhältnis zur Zeit. Ein Fussballspiel ist ein künstliches Konstrukt, reglementiert durch die unerbittlich tickende Uhr. Alles ist auf Effizienz, auf das Erreichen eines Ziels innerhalb eines streng begrenzten Zeitrahmens ausgerichtet. Es ist die Logik der modernen, industrialisierten Welt, komprimiert auf ein Spielfeld.
Das Leben in einer von der Natur geprägten Umgebung folgt einem anderen Rhythmus. Die Zeit wird nicht in Minuten gemessen, sondern im Wechsel der Jahreszeiten, im Wachstum der Bäume, in der Bewegung der Wolken. Dieser Rhythmus ist nicht vom Menschen gemacht und lässt sich nicht beschleunigen. Er lehrt Geduld, Demut und die Akzeptanz von Zyklen, die grösser sind als das menschliche Leben. Wer auf dem Berg lebt, lernt, das Wetter zu lesen, die Zeichen der Natur zu deuten und seine Pläne an Gegebenheiten anzupassen, die er nicht kontrollieren kann.
Aus dieser Perspektive erscheint die hektische Dramatik eines Fussballspiels – der verschossene Elfmeter, die rote Karte in letzter Minute – in einem anderen Licht. Nicht als bedeutungslos, aber als relativ. Die wahren Dramen spielen sich hier in der Auseinandersetzung mit den Elementen ab: der Kampf gegen einen plötzlichen Wintereinbruch im Frühling, die Hoffnung auf Regen nach wochenlanger Trockenheit, die Sorge um den Wald nach einem Sturm. Diese Erfahrungen schaffen eine Form von Resilienz und Gelassenheit, die es erlaubt, globale Spektakel wie die WM mit einer gewissen heiteren Distanz zu betrachten: als unterhaltsames, aber letztlich nicht lebensentscheidendes Schauspiel.
Die Weltmeisterschaft findet auch in Rieden statt – in den Wohnzimmern und an den Stammtischen. Aber sie dominiert nicht das Leben. Sie fügt sich ein in einen Alltag, der von anderen Prioritäten, anderen Ökonomien und anderen Gemeinschaften geprägt ist. Der Blick vom Berg relativiert die Bedeutung des globalen Spektakels und schärft den Sinn für das, was bleibt, wenn der letzte Pfiff verklungen ist: die Arbeit, die getan werden muss, die Nachbarn, auf die man sich verlässt, und die Landschaft, die die eigene Identität seit jeher formt.
Buchi vom Rieden – Ein neugieriger und spekulativer Schriftsteller.











